Willkommen bei der Hanne Darboven Stiftung

geb. 1941 in München, gestorben 2009 in Hamburg-Rönneburg

Familie, Frühwerk: Hanne Darboven wächst auf als mittlere von drei Töchtern im großbürgerlichen, weltoffenen Milieu einer Hamburger Kaufmannsfamilie im ländlichen Stadtteil Rönneburg. Noch während ihres Studiums an der Hamburger Hochschule für bildende Künste geht sie 1966 für zwei Jahre nach New York und entwickelt im Umfeld der bereits sichtbaren Konzept- und Minimal-Kunst, allerdings in weitgehender Isolation, ihre Systeme einfacher Zahlenabläufe (z.B. 3 5 7 5 3) mit komplexen Variationsfolgen; das Prozeßhafte des reifen Werks ist hier bereits vorhanden. Unterstützung findet sie bei den Protagonisten und Promotern der Szene, insbesondere Sol LeWitt, Lucy Lippard und Kasper König; dieser Kreis trägt wesentlich zu ihrer sich schnell entwickelnden, internationalen Karriere bei.

Daten und Bücher: Im August 1968 adaptiert HD das Tagesdatum als Grundlage der Arbeit. Ausgangspunkt ist die Quersumme des Datums, der „K-Wert“, benannt nach der jeweiligen Konstruktion und den Kästchen, die den Wert visualisieren. Eckdaten sind die K-Werte des ersten und letzten Tages der Jahre ’00 und ’99: 2 (1+1+0+0) und 43 (31+12+0+0) sowie 20 (1+1+9+9) und 61 (31+12+9+9). Im Zentrum des Denkens und Schreibens stehen jedoch weniger die einzelnen Daten als vielmehr die Verläufe der K-Werte und der „Von-Bis-Texte“ mitsamt ihren vielfältigen und immer kunstvolleren Varianten, bei denen Großformen wie Winkel und Halbkreise sichtbar werden. In bewusster Differenz zum herkömmlichen Kunstbegriff stellt HD die Arbeiten in die Tradition von Schrift und Buch: Sie werden per Hand oder Maschine auf einzelnen Blättern geschrieben, gelegentlich als Buch verfasst oder zu Büchern arrangiert. Einzelne Werke können viele Tausend Blatt umfassen oder bleiben gar, wie die 1971 begonnene „große arbeit“, mit über 40.000 Blatt unvollendet.

Schreibzeit: Bedrückt durch die politische Situation in Deutschland und in der Welt, beginnt die politisch stets hellwache Künstlerin in bester aufklärerischer Tradition im Jahr 1974 einen monumentalen Kommentar zur Zeit. Anhand von Hunderten vorgefundener und abgeschriebener Texte, die von den Gedichten Hölderlins, Baudelaires und Lao-Tses über die Brockhaus-Enzyklopädie bis zu den jüngsten SPIEGEL-Ausgaben reichen, geht sie in der „Schreibzeit“ den Verbindungen von Kunst und Politik nach und plädiert für eine unideologische „Realpolitik“ im Sinne Bismarcks. Immer wieder benennt sie die Themen, Quellen und Folgen des Hitler-Faschismus. Ähnlich umfassend angelegt ist die „Kulturgeschichte“ (1980-83), die – im Gegensatz zur „Schreibzeit“ – nahezu ausschließlich visuelles Material verarbeitet (Fotos, Kataloge, Vorlageblätter, Zeitschriften, Plakate, Postkarten). Objekte aus HDs umfangreicher Sammlung an Büchern, Kalendern, Fotos, Postkarten, Kunstwerken und Kuriositäten, die ihr Haus bis zum letzten Winkel füllen, werden bei der Präsentation dieser wie auch anderer Arbeiten in die Ausstellung einbezogen und sind in den Werken als Abbildung vorhanden.

Thematische Arbeiten: Mit und nach der „Schreibzeit“ entstehen umfangreiche thematische Werke als Hommagen an die großen Dichter, Philosophen, Wissenschaftler, Politiker und Künstler – es sind die Leitfiguren ihres Lebens. Zu nennen sind v. a. Homer, Leibniz, Friedrich der Große, Lichtenberg, Bach, Beethoven, Goethe, Alexander v. Humboldt, Heine, Lincoln, Bismarck, Rilke, Gertrude Stein, Walter Mehring, Alfred Döblin und Picasso. Auch der Stadt New York, dem Völkerrecht, der friedlichen Nutzung der Atomkraft (Rutherford, Bohr), den „Erfindungen, die unsere Welt verändert haben“, sowie, besonders umfangreich, den „Kindern dieser Welt“ sind Arbeiten gewidmet. Hinter alldem steht mehr als nur bildungsbürgerliches Wissen. Entscheidend ist der Impuls von Aufklärung und Humanität, von Moral und Ethik – hier wirkt, ungenannt, der Kategorische Imperativ Immanuel Kants.

Musik: Schon als Kind zeigt HD eine große musikalische Begabung, die sie dann zugunsten der bildenden Kunst zurückstellt, die jedoch stets präsent bleibt. Unübersehbar ist die Nähe zwischen einem musikalischen Thema mit Variationen und HDs Zahlen-Abläufen mit Varianten. 1980 beginnt sie, ihre Zahlensysteme nach einem einfachen Prinzip (Zahl 0 = Note d etc.) in Notenfolgen umzusetzen, die sie von einem professionellen Musiker in traditioneller Weise für verschiedene Instrumente, von der Solobesetzung bis hin zum vollen Orchester, arrangieren lässt. So entsteht ein faszinierendes Klangerlebnis, eine Mischung aus „mathematischer Musik“ (HD) und der großen Tradition der deutschen Klassik.

Skulpturen: Bereits in der frühen New Yorker Zeit beginnt HD, ihre Zahlenfolgen in dreidimensionale Werke aus Pappe umzusetzen; diese kleinen, fragilen Skulpturen sind alle verloren. 2007 greift HD den Skulptur-Gedanken erneut auf und entwickelte mehrere Serien von Sperrholz-Werken, die sowohl die New Yorker als auch spätere Entwürfe realisieren.

Weitere Veröffentlichungen: Seit ihrem Aufbruch nach New York am 26. März 1966 hält HD die wesentlichen politischen und persönlichen Tagesereignisse in kurzen Kalendernotizen fest; sie wurden – in der Arbeit „Existenz“ (1989) – ebenso öffentlich gemacht, wie die „Briefe aus New York 1966-1968 an zu Hause“ (Stuttgart 1997) sowie die „Correspondance“ mit ihren Freunden (Publ. in Vorbereitung) – alles gemäß ihrem Motto „mein Geheimnis ist, dass ich keines habe“.


Ernst A. Busche